Start der US-Sitcom „Mike & Molly“ in Deutschland ODER warum Toleranz gegenüber Molligen und Übergewichtigen ein unerfüllter Wunsch bleibt

7. September 2012 | Von | Kategorie: Molli-Filme/TV/DVD, Mollig im Alltag
Start der US-Sitcom in "Mike & Molly" in Deutschland ODER warum Toleranz gegenüber Molligen und Übergewichten ein unerfüllter Wunsch bleibt (Copyright: geando - Fotolia.com)

Start der US-Sitcom in „Mike & Molly“ in Deutschland ODER warum Toleranz gegenüber Molligen und Übergewichten ein unerfüllter Wunsch bleibt (Copyright: geando – Fotolia.com)

Eigentlich hatte ich mir zu Beginn dieses Blogs fest vorgenommen, einen heiteren Blick auf das Plus Size Molli-Dasein zu werfen. Aber heute bin ich nicht heiter, sondern wolkig. Um genau zu sein bin ich stinkig. Stinkig über die unnötige Stigmatisierung von übergewichtigen Frauen und Männern. An kleinste Strohhalme wird sich zum Serienstart der US-Sitecom „Mike & Molly“ geklammert, um Mollis und die ach so gefährdeten Fettleibigen dieser Welt charmlos ins Rampenlicht zu zerren.

Als ob Mollige nicht auch so schon oft genug bei ihrem Auftreten (meist ungewollt) im Rampenlicht stehen und wie Freiwild bösen Zungen ausgeliefert sind.

Aber der Reihe nach:

Nun ist sie endlich auch in Deutschland zu sehen – die charmante Emmy-prämierte US-Sitecom „Mike & Molly“ mit der wunderbaren Melissa McCarthy (siehe auch Brautalarm) in der Hauptrolle (aktuell für ihren zweiten Emmy nominiert).

Und schon nutzen die Pseudo-Kultur-Intellektuellen der Medienhäuser die Gunst der Stunde, um Fettleibigkeit und die angebliche Verherrlichung von Übergewichtigen anzuprangern. Das exemplarisch gewählte Beispiel versucht wenigstens (zwar mehr schlecht als recht, aber immerhin) der Serie noch ein paar Sympathiepunkte zuzusprechen.

„Übergewichtige bei Sat 1. Mein Bauch gehört mir“ Quelle: Spiegel.de

Neben der dämlichen Überschrift, die keines weiteren Wortes würdig ist, werden darin die molligen Protagonisten „gelobt“ mit den Worten: „Gerade die soziale Unverträglichkeit der Helden ist attraktiv.“ Mit dieser Äußerung versucht die Autorin nicht einmal, ihre Denkweise zu verbergen. Und kaschiert diese im weiteren Verlauf des Artikels so erfolglos, dass man eigentlich auch nicht weiterlesen möchte. Die weitere Beschreibung bringt zudem für mich noch eine umwerfende neue Erkenntnis (Vorsicht, Ironie!): Oh mein Gott. Ich hätte mir „Cougar TownW nicht mit so vollen Genuss und Freude anschauen dürfen. Ich bin nicht die „Size-Zero-Zielgruppe“ … lächerlich!

Kombiniert mit den hervorgehobenen Scheinargumente des Artikels, wie etwa das Plus der durchklingenden Selbstironie der Serie (die durch eine schlechte deutsche Synchronisation sicher wieder verloren gehen wird, wie leider so oft) lässt dieser doch vor allem eines vermissen: Toleranz.

Die Diskussion geht vollkommen am eigentlichen Thema vorbei. „Setzen, 6, Thema verfehlt, danke“ wie meine Deutschlehrerin gerne zu sagen pflegte.

Toleranz fängt sicher nicht erst bei Übergewicht an und hört daran erst recht nicht auf. Sie ist vielmehr eine grundlegende Haltung und weltoffene Sichtweise gegenüber anderem, die, wie ich leider das Gefühl habe, in unserer Gesellschaft immer mehr verschwindet.

Ich habe die erste Staffel von „Mike & Molly“ bereits gesehen – und war bezaubert. Und nicht, weil zwei Mollis aufeinander treffen und sich verlieben. Die Charaktere sind einfach so liebevoll gezeichnet, die Dialoge witzig, der Mirkokosmos herrlich minimalistisch, dass der TV-Abend mit den beiden auch etwas schrägen Typen zur Wohlfühl-Oase wird. Je öfter ich oben genannten Artikel lese, desto dümmer finde ich ihn. Dümmlich nicht nur, Fettleibigkeit mit Alkoholismus zu vergleichen. Auch wenn der letzte Absatz krampfhaft versucht, ein wenig einen Bogen zu schlagen. Der Artikel hinterlässt einen schalen Beigeschmack. Zeigt er doch, egal ob dick oder dünn, das es ohne Stigmatisierung bestimmter Gruppen in unserer heutigen Medienlandschaft nicht mehr geht. Traurig, ehrlich!

Das ein anderer deutscher Privatsender mit auf den Molli-Erfolgskurs von „Molly & Mike“ aufspringen will, scheint nicht verwunderlich. Ich muss sagen, ich bin auf die Sat1 Serie gespannt, lässt der Trailer schon jetzt keine Oberflächkeiten, Vorurteile und auch die „vom Himmel erleuchtende Lösung“ aus, und lässt damit Trauriges erahnen. Sie sieht in der Vorschau aus wie eine abgekupferte Version und billige Kopie der US-Erfolgsserie „Drop dead diva“. Aber nein, keine Urteile, bevor nicht gesehen! Ich warte also geduldig bis zum Sendestart. Denn vorverurteilen tun schon andere genug…

Ich sage ja gar nicht, dass Übergewichtige zur Sehgewohnheit werden sollen. Ich möchte nur eine gesunde Mischung, alle sehen. Aber zieht es doch bitte auch nicht bei jeder sich bietenden Gelegenheit immer wieder in den Mittepunkt. Wie es gestern Abend Markus Lanz bei Umweltminister Peter Altmaier getan hat, als er mit seinem „investigativen“ Fragekonstrukt nicht mehr weiterkam und das Gespräch am Ende auf Altmaiers „breites Kreuz“ reduziert hat. Immer diese Stigmatisierung. Den immensen Einfluss, den Medien damit auf den direkten Alltag eines jeden von uns haben, vor dem wird die Augen verschlossen. Und das eigentliche Thema Toleranz gegenüber anderen bzgl. Aussehen etc. immer weiter ausgespart.

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